(DE) Das Öffnen des Buches wie das Öffnen der Augenlider
EWA ELŻBIETA NOWAKOWSKA
„Das Öffnen des Buches wie das Öffnen der Augenlider”
(EWA SONNENBERG: „Geschrieben auf dem Sand“)
Könnte man vielleicht das, was man auf einer Serviette, auf einem Zettel und desto mehr im Internet geschrieben hat, dem entgegensetzen, was man „Auf dem Sand geschrieben hat“? Egal was ich sagen werde, würde es sich hier um eine unobjektive Stimme handeln, vielleicht um eine Stimme des Predigers auf einer (virtuellen) Wüste, aber nicht unbedingt um eine verbale Fete auf der Sahara. Es ist nicht ausgeschlossen, dass das, was ich über dieses Buch erzählen werde, sich auch als die Wahrheit herausstellen wird. Wie es halt Sonnenberg fragt, „Gäbe es keinen gröβeren Wert als eine ungeschriebene Spur ?“
Also fangen wir vom Anfang an. A bedeutet: jeder kann in diesem Band einen anderen Anfang finden. Denn zum Beispiel könnte man aufs Geratewohl, auf gut Glück (was ich empfehlen würde) das Buch so wie die Augenlieder aufmachen (und jeden Tag öffnen wir unsere Augenlieder in Verbindung mit einer anderen Wirklichkeit auf) und man kann folgende Verse finden: „Mein Herz weint/ laut/sehr laut /aber wer würde es hören?“. Wenn sie unseren Leseranfang darstellen würden, würde es sich lohnen zu überlegen, wie diese Person wäre, die diese Worte ausspricht? Und das eben jetzt? Nicht mehr in der Epoche des Nachmodernismus, aber auch vielleicht des Meganachmodernismus oder aber des Vorneomodernismus (spielen wir doch weiter). Versuchen sich diese Verse zu wehren? Scheinbar melodramatisch wie „Die Leprakranke“? Werden sie den Leser vom Zeichen
„der Poesie der Barbaren“ abschrecken? Werden sie als eine unangenehme Banause erschallen?
Ausgerissen aus ihrem Boden, aus ihrer Umwelt, aus dem Kontext, aus der weiβen Erde die Zettel verwirren oder verscheuchen. Lenken wir unsere Aufmerksamkeit darauf, dass man auf dem Umschlag selbst die Feststellung der Autorin angebracht hat: „Dieses Buch wird nur aus den schönen und brauchbaren Worten bestehen. Sein jeder Satz wird Lehrer sein“. Vertrauen wir also noch Mal der Dichterin, momentan verzichten wir auf die Beurteilungen, auf „die heiβen Eindrücke“ und schlagen wir das Buch auf einer anderen Stelle auf.
Jemand, der sich in die neue Publikation von Sonnenberg versenken möchte, um nur leicht auf ihren grenzenlosen Wüsten zu treten (weil der Sand manchmal brennt), sollte den Skeptizismus und Zynismus, die Ironie, die Theorien von Derrida, die Neigung zur slam poetry oder zu den scharfen Kollegen der polnischen gebundenen Rede beiseite legen. „Geschrieben auf dem Sand“ scheint den im Jahr 2005 von Sonnenberg herausgegebenen Band „Stunde der Begeisterung“ fortzusetzen, der durch seine Zärtlichkeit, seinen Lyrismus und sein Weltschwelgen ein anderes Gesicht der Dichterin entdeckt hat, die durch ihre früheren habgierigen Texte bekannt war (es hat sich herumgesprochen, als ob Sonnenberg eine der am meisten männliche Dichterin unter den jungen polnischen Schöpfern wäre). Es ist nicht einfach heute mit der Entzückung und der Schönheit in Berührung zu kommen, wenn wir uns zwischen der Ästhetik von Shute und der Stilistik von Rubik bewegen. Die Autorin des „Geschriebenen auf dem Sand“ übersieht total diese Erscheinungen. Ihr Buch dient als „die Überschreitung des Anführungszeichens“: zwischen den Tonarten, den Klüngeln, den Epochen. Ab und zu wird das Anführungszeichen von ihr weggeworfen, als ob es sich um einen Lumpen handeln würde. Sie kehrt auf das altmodische Sprechen über die Gefühle und auf ihre Unausdrücklichkeit zurück. Die Dichterin erklärt mit ihrer ganzen Kraft in einem Interview: „Ich hasse in den Gedichten die Oberflächlichkeit, die Fastfood – Stilistik, die Phrasendrescherei, den Gefühlmangel, und das erscheint leider immer häufiger in der Poesie...“.
Die Poster, die sich um die Promotion des Buches gekümmert haben, die im Februar des laufenden Jahres im Klub Lokator /Mieter/ stattgefunden hat, haben es als „buddhistische Gedichte“ empfohlen. Ich habe erleichtert eingeatmet und eingesehen, dass man das auf dem Umschlag des Bandes fortgelassen hat. Das sind keine buddhistischen Gedichte. Was anderes bedeutet selbst die Faszination in Bezug auf den Orient und die Anknüpfung an die Zenmeister und was anderes eine solche Etikette, die die Rezeption des Buches einschränkt. Die Dichtung von Sonnenberg ist zu sehr individualistisch, emotionell, europäisch, um einfach buddhistisch zu sein. Die Künstlerin weiβt das selbst und versucht sich nicht exotisch zur Schau zu schmücken, indem sie schreibt: „Solch ein Herz wie meins wäre etwas Unverständliches für die buddhistischen Mönche“. Trotzdem sind die asiatischen Anklänge im Band deutlich und künstlerisch sehr gelungen. Indem sie hinterlistig „einen Regentropfen auf einem Grashalm“ mit „einem Grashalm auf einem Wassertropfen“ zusammenstellt, erreicht die Dichterin eine neue Qualität, die metaphysische Einsicht in das Wesen der Dinge, sie ruft den Reiz und den absurden Humor der Haikmeister herbei; doch hat es Basho geschrieben „Gute Welt: der Tau/ tröpfelt je nach einem Tropfen/ je nach zwei“.
Die Welt, die durch Ewa Sonnenberg dargestellt wird, ist voll von den Brücken, den Spuren, den Zusammenbrüchen, von denen aus plötzlich das Feuer ausbricht. Die Dichterin baut die Wege, die Brücken und auf ein Mal entdeckt sie, dass sie nicht existieren. Sie sucht nach den Spuren, denn „die Spuren können sich manchmal in die Menschen verwandeln“. In ihrem Internettagebuch hat sie letztens geschrieben: “Die Liebe sei möglicherweise eine Täuschung, aber wie angenehm kann diese Täuschung sein [...]“. Ihr Band bildet einen Dialog zwischen einer Frau und einem Mann, aber auch zwischen Mir und Dir, zwischen jedem Ich und jedem Du, jedem Ich und jeder Welt. Manchmal gelingt diese Kontaktprobe: „In diesem Gespräch schlagen die Steine gegeneinander/ aus dem Mund fällt ein Juwel“, aber es ist auch manchmal so wie es halt in dem vorzüglichen Gedicht lautet, das am Anfang des Buches steht: „Einmal haben sich eine Frau und ein Mann getroffen/ Er war für sie wie ein Meister/ sie war für ihn wie ein Meister/ Jeder von ihnen wollte für sich selbst kein Meister, sondern ein Schüler sein/ Deswegen haben sie sich trennen müssen/ Ihr Gespräch hat so lange wie die Welt gedauert/ Das war ihr erstes und letztes Gespräch“.
Dieses Gedicht verwandelt sich auf den nacheinander folgenden Seiten in ein Poem „Einmal haben sich eine Frau und ein Mann getroffen ...“, nach dem zwei weitere folgen: „Die Zeremonie des Teekochens“ und „Wie viele Blätter hat eine Blume des blühenden Apfelbaumes“ – es dauert in ihnen ein Treffen, ein Gespräch, Seine und Ihre Stimmen vermischen sich, die Motive der Reise, die Erinnerungen aus der Kindheit und die sich miteinander verknüpfenden geometrischen Figuren ziehen hindurch – viele Verse sind so treffsicher, dass sie als Aphorismen dienen könnten. Aber es ist auch eine Folge der Geschichten, der Erzählungen, der sich miteinander verschränkenden Wege, die der Leser zu verfolgen versucht; manchmal verliert er sich und ab und zu hat er das Gefühl entdeckt zu werden. Die Poeme erinnern an panopticum, ein chinesisches Heilkräuterwesen, in diesem Schaukästen sich die als eine Schnur zusammengebundenen Schlangen, unbekannte Pflanzen und unergründliche Emotionen verbergen. Mal eine Frau, mal ein Mann ergreifen die Stimme. Die Dichterin selbst bemerkt in den Interviews, dass ihr das Zwittertum, das eine gewisse Einheit, eine Fülle bildet, ganz nahe steht. In einem solchen Licht könnte man diese Poeme nicht nur als einen Dialog zwischen einer Frau und einem Mannes auslegen, viel mehr als die in uns zu Worte kommenden die männlichen und die weiblichen Elemente, ihren gegenseitigen „Streit“ und eine Ergänzung. „Das Geschlecht wird von mir als stilistisches Mittel betrachtet“, erklärt in einem Interview Sonnenberg selbst: ihrer Meinung nach ist es viel leichter über manche Dinge zu sprechen, wenn man sich in den Körper eines Mannes einverleibt hat und die anderen erklingen viel besser, wenn sie aus den Lippen einer Frau hervorgehen. Die Künstlerin unterstreicht das Meisterstück der Poesie, die Auflegung der Masken und die daraus geschöpfte Freude, laut dem bekannten Satz von Rimbaud: „Ich das ist jemand anders“.
Ein Teil des Bändchens ist nur die Lauer, das flimmernde Barockvorspiel zum Titelteil des Buches: „Geschrieben auf dem Sand“. Wir geraten hier in eine unwegsame Gegend der mit der Leere leuchtenden Zettel; irgendwo ist auf ihnen ein verblichenes Gerippe eines Satzes zu sehen. In die Poesie von Ewa drängt die Askese hinein. Das Barock wird durch die strenge romanische Apside vertreten. Das Einsiedlertum und die Sparsamkeit, sogar der Minimalismus der groβen, leeren Flächen des Papiers erinnern an die Stille in den Kompositionen von Cage und an die Experimente von Mallarmé. In einer gewissen Strömung der jüdischen Tradition bedeuten die Worte nur die Hälfte der Bedeutung; wie damals ein Rabbi zu seinen Schülern gesagt haben sollte: indem du Tora liest, ist die zweite Hälfte der Bedeutung in den weissen Gebieten zwischen den Worten zu finden. „Das Wichtigste ist die anderen sprechen zu lassen und sich selbst das Schweigen aufzuerlegen“, schreibt Sonnenberg, wobei sie auf die Notwendigkeit hinweist, die Stimmen der Welt, die Dämpfung der Sätze, die im Hals stecken bleiben, die Wachsamkeit und die Ausschärfung der Sinne zu lauschen. Ein oft auftretendes Motiv der Dichterin ist die Bezauberung, die Erkenntnis, eine intuitive Einsicht in die Seele eines Unbekannten, das gegenseitige Suchen durch die Epochen. Dieser Teil des Bandes erlaubt sich zu entlasten, zu beruhigen, sich in Gedanken zu vertiefen. Origenes hat über die Lektüre der Schrift geschrieben, sie wäre „eine Wanderung durch die breiten Felder“. Hier können wir durch die Seiten nach der Suche der Aufzeichnung umherschweifen. Wir sind so wie die Entdecker des unerforschten Gebietes Afrikas aus dem neunzehnten Jahrhundert. Wenn jemand dabei müde oder gelangweilt wird, dann sollte er besser andere Bücher lesen. Doch „die Reise ist auch ein Teil dieses Buches“.
Nach einer solchen Einübung werden wir wieder von der Dichterin ins Dickicht der letzten zwei Poeme mitgenommen: „Die Fibel der Weltbegrüβung“ und „Die Wege des Herzens“, das der Mutter gewidmet wird. Und hier erscheint ein Moment der Bedenklichkeit, wie der erste Vers des Werkes sein wird und auch die Überlegung, mit welchem Wort die Welt beginnen würde. Die Begeisterung pulsiert. Der mittlere Teil des Bändchens – die Fülle der Leere und die Leere der Fülle – ist irgendwie mit den ekstatischen Poemen umbaut. Wären sie die Pfeilchen, die auf die Leere hinweisen? Welcher Teil des Bandes wird für den Leser als wichtiger erscheinen?
Submitted by admin on 1. July 2008 - 16:26.
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